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Freiwillig hinter Gittern: EMMAUS im Gefängnis Kaisheim Drucken E-Mail
CE Deutschland - Erfahrungsberichte
Veröffentlicht von: Angelika Lang und Karl Fischer   

altIn der Justizvollzugsanstalt Kaisheim (bei Donauwörth) fand Ende 2009 eine Begegnungswoche für Gefangene, durchgeführt von der Emmaus-Bewegung, statt. Der ehemalige Zuhälter Andreas Marquardt und der ehemalige Drogendealer und selbst langjährig heroinabhängige Uwe Trapp berichteten bei diesem Einsatz aus ihrem Leben und der Veränderung, die sie erlebt haben. Es ist erstaunlich, was sich in der Folge daraus entwickelt hat ...

Andreas Marquardt (56), ein mehrfach ausgezeichneter Karate-Champion, war als Geldeintreiber altund Zuhälter tätig, für die hierbei begangenen Straftaten musste er für insgesamt acht Jahre ins Gefängnis. Nach einer Kindheit mit brutalen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen schwor er sich einst, dass er nie wieder Prügel bekommen würde. Der Kampfsport und seine eigene Härte verschafften ihm Respekt. Er hatte seine Gefühle einbetoniert, wurde zu einem Mann, der kein Mitleid kannte und erbarmungslos seinen Machttrieb auslebte. Erst lange Jahre später in der Zelle kam ihm der Gedanke: „Wenn du so weitermachst, kommst du aus diesen acht Quadratmetern nicht mehr raus, und auch nicht aus diesem Angst- und Hassgefängnis, das du in deinem Inneren vor Jahren errichtet hast.“ Sein Weg der Veränderung fand vor allem durch eine Therapie und durch die Auseinandersetzung mit seiner Lebensgeschichte statt. In Kaisheim sprach er auch über geistliche Erlebnisse. Er berichtete, wie er damals Gott um Kraft gebeten hatte, seiner Mutter klar entgegenzutreten und den Missbrauch durch sie zu beenden. Heute ist er Betreiber eines Berliner Sportstudios, Buchautor und setzt sich für benachteiligte Kinder ein.

 

altUwe Trapp machte bereits als Kind eine intensive Erfahrung mit Jesus. Auf die Frage, warum er dann trotzdem abhängig geworden sei, antwortete er, dass er seine Geschichte wahrscheinlich gar nicht überlebt hätte ohne diese Beziehung zu Jesus. Aufgewachsen in einem sozialen Brennpunkt Würzburgs wurde er durch einen Mann aus der Nachbarschaft sexuell missbraucht, später führte sein Weg in die Drogenszene und in den Knast (Kaisheim). Dort fing er an, die Beziehung zu Jesus wieder intensiver zu leben, die ihm Kraft verlieh, nicht mehr rückfällig zu werden und wurde Mitglied der damaligen Emmaus-Gruppe in Kaisheim.
Heute arbeitet Uwe zusammen mit einer Kriminalbeamtin in Heilbronn in Drogenpräventionsprojekten in Schulen, um Kinder und Jugendliche davon abzuhalten, einen ähnlichen Weg wie er selbst einzuschlagen.

Die Lebensberichte der beiden hatten bei den Gefangenen eingeschlagen. Andreas und Uwe sprachen die Sprache der Gefangenen und nahmen kein Blatt vor dem Mund, sprachen Dinge direkt und ungeschminkt an. Etwa 70 Gefangene waren bei den Veranstaltungen anwesend, das sind 10% der Insassen von Kaisheim.

Alphakurse

Im Anschluss an die Begegnungswoche wurde zu zwei Alphakursen eingeladen, mehr als 60 Gefangene nahmen daran teil. Die Kurse gingen über zwei Monate, mit jeweils zwei Treffen pro Woche. Kaum einer ließ einen Abend aus. CE-Geschäftsführer Karl Fischer, der einen der beiden Kurse leitete, war beeindruckt davon, wie offen, ehrlich und engagiert sich die Gefangenen an den Gesprächsgruppen beteiligten, die jeweils nach den Vorträgen angeboten wurden.
Höhepunkt war der „Heilig-Geist-Tag“. Viele waren in der Gebetszeit tief berührt, ließen sich segnen und für sich beten. Etliche trafen die Entscheidung, bewusst mit Jesus zu leben.
Nach dem Alphakurs konnten neue Gruppen gegründet werden, weil die meisten der Kursteilnehmer gerne diesen Weg weitergehen wollen. So wird das in den Wochen des Alphakurses Begonnene jetzt in wöchentlichen Treffen der drei Emmaus-Bibel- und Jüngerschaftsgruppen und der vier „Endlich-leben“-Gruppen (ein christliches Gruppen-Lebenshilfeprogramm) weitergeführt.

Einige Ereignisse und Rückmeldungen aus der Begegnungswoche und dem Alphakurs:

• In der Begegnungswoche beteten wir mit einem Gefangenen, der mit Flüchen sehr belastet war. In den darauf folgenden Tagen erzählte er, dass er sich ganz anders fühlt und es ihm viel besser geht. Er ist ganz entschieden bei der Gruppenarbeit dabei.
• Ein Gefangener berichtete, wie nach der Segnung am Heilig-Geist-Tag plötzlich alle Schuld von ihm abfiel. Tränenüberströmt berichtet er, dass er total glücklich sei und noch nie solch ein Gefühl hatte.
• Vier der Teilnehmer gaben bereits am Heilig-Geist-Tag vor den über 50 Mitinhaftierten Zeugnis und bekannten damit ihre Veränderung.
• Christoph, ein ehrenamtlicher Mitarbeiter, der russisch spricht, lernte vor dem Heilig-Geist-Tag ein Lebensübergabegebet in russisch auswendig. Zu seinem Segnungsteam kam ein russisch sprechender Gefangener, der nur wenig deutsch spricht und der sein Leben Jesus übergeben ?wollte.
• Durch die Initiative eines Gefangenen sammelten die Kursteilnehmer kurz vor Weihnachten Briefmarken und konnten so die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ mit 200 € unterstützen.
• Ein Briefauszug eines Gefangenen: „Ja der Alphakurs tut mir richtig gut. Ich spüre, wie mein teilweise versteinertes Herz wieder aufblüht, ich werde wieder Mensch. Das Gefühl kann ich nur ganz schwer beschreiben. Zum einen ist es so ein schönes Gefühl, wenn ich in der Gemeinschaft bin. Aber es macht mich auch oft richtig traurig, denn wenn ich dann abends in meiner Zelle bin, denke ich viel nach und dann wird mir richtig bewusst, wie vielen Menschen ich in meinem Leben sehr weh getan habe und dann kommt es vor, das ich deswegen weine, weil ich diesen Schmerz spüren kann. Aber genauso spüre ich wieder neu die Schmerzen, die mir in meinem Leben zugefügt worden sind. Und mit diesen Emotionen umzugehen ist nicht gerade leicht. Ich bete dann zu Gott, bitte um Verzeihung und dass er mich ab jetzt leitet. Das ist das, was ich mir so richtig von Herzen wünsche. Ich glaube, Gott sieht das und wird mir helfen.“
• „Der Kurs hat meinen Glauben vertieft und mir und meinem Leben eine neue Richtung gegeben.“ (Moses)
• „Besonders gefallen hat mir der ‚Segen des Heiligen Geistes’. Dies war echt eine besondere Erfahrung. Das Beten der Mitarbeiter für mich hat wirklich etwas in mir bewegt, ich hätte nie gedacht, dass mich dieses Segnungsgebet so erreicht.“ (Thomas)
• „Am meisten gefallen hat mir das Wirken Jesu in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Man spürte und sah den Teammitgliedern an, dass sie das leben, was sie sagen.“ (Marco)
• „Mein Verhältnis zu Jesus hat sich extrem verändert, so wie mein Glaube jetzt ist, war er noch nie. Ich spüre die Liebe des Glaubens ganz tief.“ (Patrick)
• „Ich bin fasziniert, wie sehr mich der Kurs zum positiven verändert hat. Ich hatte stets das Gefühl unter Freunden zu sein und so angenommen zu sein, wie ich bin. Trotz meiner Fehler. Ich habe neu zu Jesus zurückgefunden und lebe jeden Tag mehr nach seinen Geboten.“ (Oliver)
• „Der Kurs hat mir gebracht, den Glauben intensiv mit der Bibel zu erlernen, zu genießen, zu erfahren.“ (Dieter)
• „Der Kurs hätte noch länger dauern sollen.“ (Ernesto)


Zeugnis eines Alphakurs-Teilnehmers

„Geglaubt hab ich immer schon irgendwie, aber ich hab es nie gelebt und hab nur an Jesus gedacht, wenn es mir schlecht ging. Zum Ende dieses Jahres kamen Angelika und ein paar Ehrenamtliche zu der Begegnungswoche in unser Gefängnis. Am Anfang interessierte mich das nicht, aber ein Mitinsasse überredete mich mitzukommen. Ich spürte sofort, dass da etwas ist, das mich anspricht. Am Ende der Woche, die leider viel zu schnell verging, wurde auf den Alphakurs hingewiesen. Für mich war sofort klar, dass ich teilnehmen würde. Dieser Kurs führte mich wieder richtig zum Glauben. Mich füllte der Kurs so richtig aus und mein Glauben wuchs von Tag zu Tag. Ich spürte, dass es das war, was mir Jahre lang in meinem Leben gefehlt hatte. Nun spürte ich auch, dass ich das dem wichtigsten Menschen, meiner Verlobten, mitteilen musste. Das machte mir Angst, weil ich nicht wusste, wie sie reagieren würde. Denn sie kannte mich jahrelang anders. Nämlich als einen Menschen, der von heute auf morgen lebt, der Drogen nimmt und viel an sich denkt. Ich schrieb ihr also einen Brief und sagte ihr, dass ich zu Jesus gefunden habe, und nun danach leben will. Danach kam eine Woche des Wartens. Dann kam ihr Antwortbrief. Und zu meiner Überraschung freute sie sich für mich und will mich auch in dieser Hinsicht unterstützen. Als ich das las, fühlte ich mich so glücklich wie lange nicht mehr, und ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass alles gut wird, da Jesus in meinem Leben ist, und mich führen wird. Ich habe 31 Jahre (davon 12 Jahre in Haft) gebraucht, um das zu erkennen. Aber ich hab jetzt innerlich neu angefangen zu leben und das ist das Wichtigste. Ich weiß: Jesus liebt mich und ich liebe ihn.“ (Patrick, 31 J.)


Zeugnis einer Mitarbeiterin


„Es hat mich zutiefst berührt, wie groß Jesu Barmherzigkeit an diesem Ort zu spüren war. Mitzuerleben, wie die Gnade Gottes selbst harte Männerherzen weich machen kann, ist ein großes Geschenk für mich, ich kann es kaum in Worte fassen. Für mich wurde es schon Weihnachten zu Beginn dieses Kurses und tiefer hatte ich noch niemals den Sinn von Weihnachten erlebt, als dort im Gefängnis: Jesus kam in das Elend, um es in Liebe zu verwandeln. Mit großer Freude habe ich mich entschlossen, am nachfolgenden Kurs „Endlich leben“ mitzuarbeiten.
Was mich darüber hinaus glücklich macht, ist die Einheit der Christen zu erleben. Dort in der JVA wird sie gelebt: Katholische Christen, Christen aus der evangelischen Landeskirche und Freikirchen sind eins in Jesus, um seine Liebe in die Welt zu tragen. Den Segen zu erleben, der aus dieser Einheit entsteht, ist ein weiteres Geschenk, das mich zutiefst berührt und auch den Willen des Herrn widerspiegelt.“ (Waltraud)


Emmaus-Bewegung und Set-free-Netzwerk

altaltDie Emmaus-Bewegung, die Teil der Charismatischen Erneuerung ist, wurde vor über 30 Jahren von Br. Jan Hermanns gegründet, der in vielen Gefängnissen Emmaus-Gruppen gründete.  Fast alle ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Emmaus-Gruppen kommen aus Gebetskreisen der CE. Viele gehen bereits Jahre und Jahrzehnte jede Woche treu ins Gefängnis. Es gibt derzeit ungefähr 20 solcher Gruppen in Gefängnissen, vor allem in Bayern und NRW.
2008 gründeten einige Mitglieder der Emmaus-Bewegung „Set-free“, ein Netzwerk für Gefangene, das verschiedene Initiativen zu vernetzen sucht, die sich in der Arbeit im Gefängnis bewähren, und an dem Ziel arbeiten, dass „christlicher Strafvollzug“ in den Gefängnissen praktiziert wird.  Mehr über das Netzwerk unter www.set-free-network.de.

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