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in der Katholischen Kirche

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Der Heilige Geist führt in die Freiheit Drucken E-Mail
CE Deutschland - Lehre
Veröffentlicht von: Weihbischof Stefan Turnovszky   

altBeim CE-Treffen „Freizeit mit Jesus“ in Schladming, Österreich, hatte Weihbischof Stephan Turnovszky (Wien) einen bemerkenswerten Vortrag über das vielfältige Wirken des Heiligen Geistes gehalten, dem die folgenden Ausführung entnommen sind: "Der Heilige Geist führt in die Freiheit" - Ich gebe zu, das ist der heikelste Punkt meines Vortrags. Ich rechne damit, dass es hier auch Widerspruch geben wird und Diskussion - aber das gehört dazu ...

Ich glaube, es ist deshalb ein heikler Punkt, weil - das unterstelle ich - wir uns alle schwer tun, mit dem Gebrauch der Freiheit. Ich kenne das von mir selber.
Auf der einen Seite wissen wir: Die Freiheit ist das Königsgeschenk Gottes. Sie ist die Voraussetzung für die Liebe, denn Liebe besteht darin, dass ein Mensch sich aus freien Stücken hingibt. Und auf der anderen Seite erfahren wir uns verwundet im Umgang mit unserer Freiheit.
Es gibt eine Seite in mir, die dazu neigt, meine Freiheit zu missbrauchen. Wir nennen das in der katholischen Theologie „Erbsünde“. Sie ist die Neigung, die der Mensch in sich vorfindet, die Freiheit nicht zur Liebe sondern zum Egoismus zu gebrauchen. Weil wir diese Fehlhaltung in uns tragen, ist es stets heikel, von der Freiheit zu sprechen.

Für Christen ist das Leben aus der Taufe die Befreiung des Menschen. Die Taufe ist das Tor, durch das der Mensch in ein freies Leben in Gemeinschaft mit Jesus Christus schreitet. Die Exodusgeschichte im Alten Testament ist ein Urbild für die Taufe: heraus aus der Sklaverei in die Unmittelbarkeit mit deinem Gott. Und Gott geht den Weg voran: Bei Tag in der Wolkensäule und bei Nacht in der Feuersäule. Wolke und Feuer sind auch im Neuen Testament Bilder des Heiligen Geistes!
Das bedeutet, dass uns der Heilige Geist vorangeht und aus der Sklaverei in die Freiheit führt. Nur ereignet sich die Freiheit zunächst in der Wüste; noch nicht im gelobten Land, sondern vierzig Jahre in der Wüste. Freiheit muss man lernen. Freiheit recht zu gebrauchen, muss man üben.
Die biblische Freiheit hat nichts zu tun mit dem Schlaraffenland. Gott erzieht uns Menschen, zerbricht fixe Vorstellungen, zerbricht innere Unfreiheiten, um Menschen frei zu machen.
Ich möchte das anhand von drei Beispiele aufzeigen. Die ersten beiden sind dem persönlichen Bereich entnommen, das dritte Beispiel bezieht sich auf unsere derzeitigen kirchliche Situation.


1. Freiheit in Bezug auf die Frömmigkeit

Auf der einen Seite brauchen wir alle Stütze von anderen Gläubigen: ähnliche Frömmigkeiten, um uns zu vergewissern, dass wir nicht auf Abwege geraten sind oder unserem eigenen „Vogel“ folgen. Auf der anderen Seite ist der Weg jeder Frömmigkeit doch auch ein zutiefst individueller Weg.
In der katholischen Kirche wird die Unterscheidung getroffen zwischen dem, was allgemeines Glaubensgut ist und unsere christliche Identität ausmacht, und dem, was fakultativ ist, d.h. persönliche Neigung, persönliche Frömmigkeit ist.
Unfrei wird der Glaubensvollzug dann, wenn Fakultatives für verbindlich und heilsnotwendig erklärt wird. Ich denke hier zurück an meine Zeit als Pfarrer. Immer wieder habe ich in unserer Kapelle am Schriftenstand anonym aufgelegte, sehr, sehr fromme Blätter gefunden. Die haben genau erklärt, was Gott gefällt und was in der jetzigen Situation wichtig ist; welche Novene zu beten ist, wie genau zu beten ist und welches Gebet jetzt die Welt retten kann.
Vom nicht zu billigenden anonymen Auflegen abgesehen ein gut gemeintes Anliegen, aber manches stimmte daran einfach theologisch nicht: Notwendig in der tiefen Bedeutung des Wortes ist es nicht, diese oder jene Novene zu beten, diese oder jene Art der Frömmigkeit zu pflegen.
Notwendig ist das, was wir in der Kirche als notwendig deklarieren. Notwendig ist der Glaube an den Herrn Jesus Christus in der Gemeinschaft der Kirche, wie auch immer das konfessionell verschieden verstanden und gelebt wird, aber jedenfalls nicht die eine oder andere Privatoffenbarung. Ich glaube, diese Unterscheidung ist sehr wichtig, weil es hier nämlich um die Freiheit geht, und da geht’s um das „Eingemachte“. Privatoffenbarungen können hilfreich sein, aber sie sind nicht heilsnotwendig. Wir müssen acht geben, dass wir uns da nicht in eine Enge hineintreiben lassen.


2. Umgang mit Alternativmedizin

Ich beobachte hier eine Unfreiheit in zwei Richtungen: Die eine Unfreiheit ist die derjenigen Menschen, die esoterischen Praktiken verfallen sind und sich jetzt - karikierend gesprochen - nicht auf die Straße trauen, ohne den richtigen Stein in der Tasche zu haben. Also Leute, die abhängig sind z.B. von Astrologie oder von gewissen Praktiken, die Gesundheit garantieren sollen. Das ist eine wirkliche Unfreiheit, und die möchte Gott nicht. Er möchte freie Menschen. Es gibt aber auch eine ähnliche Unfreiheit mit anderem Vorzeichen. Nämlich die kategorische und vollständige Ablehnung jeder Form von Alternativmedizin, z.B. der Homöopathie, die in Bausch und Bogen als vom Teufel kommend gebrandmarkt wird.
Auch das ist eine Form der Unfreiheit. Gott hat eine viel größere Weite. Gott schenkt Erkenntnisse und Heilungsmethoden, die wir jetzt noch nicht vollständig verstehen, die wir mit unseren wissenschaftlichen Methoden noch nicht bis ins Letzte durchschaut haben. Gott schenkt uns Menschen mit besonderen Charismen, auch im Bereich der Gesundheit.
Also Vorsicht hier vor Unfreiheit der einen, wie der anderen Art. Der Geist führt in die Freiheit. Ich spreche hier nicht einer Naivität das Wort, wir sollen sehr wohl kritisch sein: „Prüft alles, das Gute behaltet!“ (1 Thess 5,21).


3. Derzeitige kirchliche Situation

Ich glaube, dass das, was wir heute in Österreich, Deutschland und Europa an Schwund allgemeiner Gläubigkeit erleben und erleiden, zu tun hat mit „Wüstenwanderung“. Meine Gedanken zu diesem biblische Bild verdanke ich Dr. Christian Hennecke, der es in seinem Buch „Kirche, die über den Jordan geht“ beschrieben hat.
Hennecke sagt, die alttestamentarische vierzigjährige Wüstenwanderung des Volkes Gottes ist ein gutes Bild, um zu verstehen, was heute mit Glaube und Kirche in Europa geschieht. Heute wird sichtbar: Vieles, das gegolten hat, gilt so nicht mehr. Wir wissen aber nicht genau, was an Neuem auf uns zukommt.
Das, was gegolten hat, was war das? Es ist das, was wir als Zeitalter der Volkskirche bezeichnen. Mit „Volkskirche“ meine ich nicht, Kirche des Volkes Gottes - das bleibt die Kirche immer. Mit „Volkskirche“ meine ich die Einheit von ziviler Gesellschaft und Kirche. Das heißt, dass man in der Schule die Nationalhymne lernt und „Großer Gott wir loben dich.“ Dass es ganz selbstverständlich ist, dass alle Kinder einer Klasse zur Erstkommunion gehen und so weiter. Das ist Volkskirche, dass eben ganz selbstverständlich gilt: Wer Österreicher oder Deutscher ist, der ist Christ. Das geht jetzt zu Ende. Wir sehen, es ist nicht wie früher. Aber wir sehen noch nicht, auf was wir zugehen. Das Bild der Wüstenwanderung scheint mir deshalb gut zu passen. Es gilt auch für das Ende der Ära der Volkskirche.
Bitte meine Sie nicht, dass ich die Volkskirche bekämpfen will, im Gegenteil, ich habe eine große Wertschätzung für sie! Es stecken ganz große Chancen in ihr, gerade in unserem katholischen Brauchtum, und es ist etwas Kostbares, wenn volkskirchliches Leben besteht. – Und doch führt Gott heraus, in eine noch größere Freiheit.
Denn Menschen leben freier, wenn sie sich wirklich selbst zum Glauben entscheiden, als wenn sie sagen: „Ich bin halt in Österreich, ich bin halt katholisch geboren.“
Gott führt das Volk Israel aus der Sklaverei in die Freiheit, aber eben nicht direkt ins gelobte Land. Das gelobte Land ist noch außer Sichtweite, vierzig Jahre Wüstenwanderung liegen dazwischen. Momentan erfahren wir die Wüstenwanderung. Wir spüren, dass wir dort, wo wir uns sicher fühlten, es nicht mehr sind, und wir sehen noch nicht, wo es hingeht. Wir merken nur: „Wüste“, „Hunger und Durst“, „unangenehm“, „heiß“, „nicht vertraut“ und nicht der eigenen Sehnsucht entsprechend.
Ich finde, man kann der Kirche keinen Vorwurf machen, dass sie sich diesbezüglich schwer tut, denn sie hat 1.600 Jahre lang keine Erfahrung mehr damit gemacht. In den ersten Jahrhunderten war die Kirche nicht Volkskirche; aber seit der konstantinischen Wende dann immer. Das heißt, es ist hier etwas neu zu lernen. Darin liegt eine große Chance! Mitten in der Wüste gibt es jetzt allerdings auch Beunruhigung und Angst, das ist nicht erstaunlich.
Und es gibt in der Wüste auch die Versuchung, weniger auf Gott zu vertrauen als auf die eigenen guten Ideen.

Es gibt grob gesagt zwei Problemlösungsstrategien, die gegensätzlich ausschauen, aber in Wahrheit Blüten derselben Pflanze sind: Es gibt eine „konservative“ und eine „progressive“ Weise mit der Problematik umzugehen.
Es schaut so aus, als wären das Gegensätze. Ich meine jedoch, dass in Wirklichkeit hinter beiden derselbe Wunsch nach Sicherheit steht: Wir suchen nach einem Weg, dass wir wieder volle Kirchen haben, lebendige Gemeinden, einen Pfarrer in jedem Dorf, so wie es sich eben gehört. So, wie wir es gewohnt sind, so wie wir es gerne hätten, auch ich.
Die Konservativen schauen dabei zurück, so ähnlich wie Israel in der Wüste. Damals sagte das Volk: „Hier haben wir Hunger, aber in Ägypten, da gab es Melonen, Zwiebeln und Fleischtöpfe.“ Und auf einmal verklärt sich die Erinnerung! Ähnliches geschieht heute, wenn gesagt wird: „Wir müssten es nur so machen, wie vor zig Jahren, dann hätten wir wieder volle Kirchen, dann würde der Glaube gut weitergegeben werden, dann wären wir wieder sicher. Wir müssten nur die Liturgiereform zurücknehmen, und es müsste wieder Mundkommunion geben, dann würden sich die übrigen Probleme von selber lösen.“

Und dann gibt es die progressive Versuchung, die ganz ähnlich ist. Nur schauen die Progressiven nicht zurück, auch nicht nach vorne, sondern zur Seite. Sie fragen: „Wie machen es denn die anderen?“
Gott hat sein Volk gewarnt, sich nicht billig anzugleichen an andere Völker, sondern es auszuhalten, ein anderes Volk zu sein. Auszuhalten anders zu sein, durchzieht die Mahnungen Gottes an Israel im Alten Testament.
Doch Progressive sind geneigt zu sagen: „Schauen wir, wie es die anderen machen. Das sind die Erfolgsrezepte der modernen Zeit. Die schauen wir uns ab, dann haben wir bei uns wieder volle Kirchen und genügend Priester, usw.“ Das heißt dann: „Ändern wir die Zulassungsbedingungen, weihen wir Verheiratete zu Priestern, dann haben wir wieder viele. Seien wir ein bisschen moderner, wir brauchen Demokratie in der Kirche. Wir brauchen auch Frauen als Priester. Und wenn wir das alles gemacht haben, dann sind wir wieder attraktiv, dann können wir uns wieder sehen lassen.“
Zwei Strömungen, die ganz gegensätzlich wirken, aber doch gemeinsam haben, zu glauben, genau zu wissen, wo es lang geht. Ich sage Ihnen, ich weiß es nicht, wo es entlang geht. Und ich kenne niemanden, der es wüsste.
Ich glaube, dass Gott uns genau das zumutet. Es ist das Wesen der Wüste, dass man nicht weiß, wo der Weg geht. Das ist die Pädagogik Gottes, dass sie einen weniger auf eigene Strategien und mehr auf Seine Führung und Hilfe vertrauen lässt.

Der Heilige Geist zeigt nie den ganzen Weg. Er zeigt den nächsten Schritt. Ich bin felsenfest davon überzeugt, er wird den nächsten Schritt zeigen, wird den Weg zeigen, Schritt für Schritt. Natürlich müssen wir es aushalten, dass es in der Kirche verschiedene Ideen und Vorstellungen gibt, und das ist auch gut so und bereichernd. Wir tun gut daran, einander ernst zu nehmen, denn es könnte ja sein, dass der Heilige Geist durch den anderen spricht und gar nicht so sehr durch mich.
Wichtig ist also das Hören, das Entideologisieren und vor allem das Vertrauen darauf, dass Gott zu seiner Zeit Schritt für Schritt mit uns vorangeht. Sie können mir zu Recht vorwerfen, dass dies keine Anleitung für die Praxis ist. Das stimmt. Es sollte das jetzt auch nicht sein. Freilich müssen wir auch praktische Probleme lösen, wie z.B. die Besetzungen der Pfarreien. Doch ist es mir im Blick auf alle praktischen Fragen wichtig, das Gesagte im Herzen zu haben.
Ich glaube, wir leben in einer spirituell bedeutungsvollen Zeit, in der Gott sein Volk mehr in die Freiheit führt, d.h. in die Wüste. Dorthin, wo er sein Volk umwirbt. Das ist Gottes Art von Befreiung.

Schließlich noch kurz eine letzte Fußnote zu meinen Ausführungen zum Thema Freiheit.

Auch Heilung, vor allem innere Heilung, ist eine Art von Befreiung. Heilung innerer Wunden: Sie bestehen in dem, was einem angetan wurde oder in dem, was man selbst anderen angetan hat. Es geht somit um die Thematik Verzeihen und Vergeben.
Der Heilige Geist macht Menschen wirklich frei, indem er sie den Weg der Vergebung führt. Auch das ist ein schwerer Weg. Er hat zu tun mit sehr viel Realismus. Der Heilige Geist, so heißt es, „erinnert“ (Joh 14,26) und wer den Weg der Vergebung geht, tut gut daran, zu den Fakten „Ja“ zu sagen. Sich zu erinnern: „Was habe ich getan? Was wurde mir angetan?“ Aber der Heilige Geist bleibt dort nicht stehen, sondern geht weiter. So weit, dass wir fähig werden, zu dem, was sonst so menschenunmöglich ausschaut: zu vergeben. Das ist der Weg der Heilung in die Freiheit hinein.
Und dorthin will uns der Heilige Geist führen: In die Freiheit der Kinder Gottes!

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